New York - Joachim Auer, 62, lebt schon seit 50 Jahren in Amerika, aber er kann noch immer in schönstem Bayerisch erzählen, wie er in seiner Badewanne eine Ratte ertränkte. Das Tier hatte sich über Nacht in einer Käfigfalle im Hof seines Hauses im New Yorker Stadtteil Brooklyn fangen lassen. Auer dachte sich: "In dem Ding kann man's ned umbring'n, das Viecherl." Also stellte er den Käfig samt Ratte in seine Wanne und ließ das Wasser laufen. Nach zweieinhalb Minuten trieb sein Opfer leblos auf dem Rücken. "I bin ein Ratten-Killer", gibt er freimütig zu. In New York muss man manchmal zur Selbsthilfe greifen, um sich der Plage zu erwehren. Die selbst ernannte "Hauptstadt der Welt" gilt als auch "Ratropolis", als Welthauptstadt der Ratten.
Immer wieder hört und liest man, dass in New York auf jeden Einwohner eine Ratte komme. Das wären dann 8,5 Millionen. Doch Experten sagen: Niemand hat die geringste Ahnung, wie viele Ratten es in New York gibt. Die Faustregel "Eine Ratte pro Einwohner" geht auf eine Studie auf dem englischen Land aus dem Jahr 1909 zurück. Sie war schon damals höchst zweifelhaft, lässt sich aber ganz gewiss nicht auf heutige amerikanische Großstädte übertragen.
Einigkeit besteht hingegen darüber, dass es in New York mehr Ratten gibt als an den meisten anderen Orten. "Keine Frage, wir haben ein Rattenproblem", sagt Bürgermeister Michael Bloomberg. Allein im vergangenen Jahr hat die Zahl der Klagen über Ratten bei einer städtischen Beschwerdestelle um 40 Prozent auf 31.600 zugenommen. "Wenn ich durch Paris spaziere, sehe ich keine Ratten umherrennen", sagt Katia Kelly (45), die in Wolfenbüttel geboren, in Frankreich aufgewachsen und nun schon seit 30 Jahren in New York ansässig ist. Vielleicht hat es damit zu tun, dass New York ein Archipel ist, eine Stadt im Meer - und am Wasser gibt es immer mehr Ratten. In den 20er Jahren schlugen Wissenschaftler vor, rund um Manhattan eine hohe Mauer zu bauen, um den Ratten den Weg vom Hafen in die Stadt zu versperren.
Katia Kelly ist eine Frau, die viel lacht, auch wenn es um Ratten geht. In einem Halloween-Shop hat sie zwei große Monsterratten aus Gummi gekauft, mit denen sie manchmal in der Öffentlichkeit auf das Rattenproblem in ihrem Viertel aufmerksam macht. "Es fing letztes Jahr an", erinnert sie sich bei einem Spaziergang durch Carroll Park, einer gepflegten Grünanlage, die von typischen Brooklyner Reihenhäusern mit Treppenaufgang zur Haustür eingerahmt wird. Auf einer Bank sitzt eine alte Dame und ruht sich vom Einkaufen aus, auf dem Spielplatz schaukeln zwei Kinder. Doch an den Zäunen hängen Warnschilder mit der Aufschrift "Vorsicht - Rattengift!"
"Wir haben hier eine absolute Ratten-Explosion mitgemacht", sagt Katia. "Erst waren da die Löcher im Boden. Dann fanden wir auch Löcher in den Bäumen. Und auf einmal hatten wir überall Löcher." Ratten vermehren sich rasend schnell. Wenn sie nicht fressen, haben sie Sex - etwa 20 Mal am Tag. Bei ausreichender Versorgungslage kann eine Rättin im Jahr bis zu 20 Mal werfen - jeweils acht bis zehn Junge. Aus zwei Ratten können so innerhalb eines Jahres 15.000 Ratten werden.
Ratten bilden eine Parallelgesellschaft ganz eigener Art, führen eine Schattenexistenz im direkten Lebensumfeld des Menschen. Sie bevölkern die Unterwelt - Keller, Abwasserrohre und U-Bahn-Schächte - sie leben in hierarchisch gegliederten Gruppen zusammen, und sie fressen das, was die Menschen ihnen hinwerfen: Pizzaränder, Hühnchenknochen, Hamburgerreste. Dazu trinken sie Kaffee - am liebsten gezuckert - Cola, Bier oder Wein. Betrinken sie sich auch mal? Vermutlich.
Katia Kelly glaubt, dass die Ratteninvasion im Carroll Park mit der Neueröffnung vieler Restaurants in einer angrenzenden Straße zu tun hat. Oft wird der Abfall abends in Plastiktüten auf die Straße gestellt. Die Lokale ziehen so viele Besucher an, dass die Mülleimer am Straßenrand schon am späten Vormittag überquellen. "Einmal haben wir eine Ratte am hellichten Tag mit einem Stück Pizza im Mund über die Straße laufen sehen." Zur Not fressen Ratten aber auch Seife, Leder, Papier und Holz.
Vielleicht ist keine andere Spezies so gut an das Leben im Großstadtdschungel von New York angepasst wie Rattus Norvegicus, die Wanderratte, die vor zweihundert Jahren auf europäischen Schiffen in die Neue Welt kam. Sie findet ihren Weg zielsicher durch ein Labyrinth von Gassen, Tunneln und Spalten - auch wenn es stockdunkel ist. Sie kann das, weil sie sich daran erinnert, wie sich ein Weg anfühlt - der Asphalt oder Beton unter ihren Füßen, die im Vorbeihuschen gestreifte Wölbung eines Abwasserrohrs. Sie klettert wie ein Eichhörnchen senkrechte Wände empor, überlebt Stürze aus 15 Metern Höhe unverletzt, schwimmt durch Abwasserkanäle und taucht in Klosettschüsseln auf.
Aber die Ratte gehört auch zu den intelligentesten Tieren, wie im Versuch immer wieder nachgewiesen wurde. Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte die Universität Göttingen eine Studie, wonach Ratten die Folgen ihres Handelns voraussehen und kausal denken können. Bisher glaubte man, dass dazu allein der Mensch fähig sei.
Der Geruchssinn der Ratte ist so gut entwickelt, dass sie einen Giftpartikel auf eine Million Teilchen erschnüffelt. Babys und Kleinkinder werden deshalb überschnittlich oft von Ratten ins Gesicht gebissen, weil diese winzige Nahrungsreste am Mund wahrnehmen. Allerdings werden jedes Jahr zehn Mal mehr New Yorker von Menschen als von Ratten gebissen.
Judy Rayner aus Brooklyn lässt sich von dieser Statistik nicht beeindrucken: "Ich habe eine Dreijährige, und ich will nicht mehr, dass sie im Park herumläuft." Die Psychotherapeutin Sara Weber (58), die in ihrer Freizeit das Komitee zur Verschönerung des Carroll Parks leitet, führt aus: "Ratten werden mit dem Tod in Verbindung gebracht. Mittelalter, Pest und so was. Das sind ganz primitive, tiefsitzende Sachen. Ratten sind keine Eichhörnchen. Sie fressen unsere Blumenzwiebeln, unsere 150 Jahre alten Bäume, unsere Bewässerungsanlage. Sie sind sehr destruktiv."
Nach einer vorsichtigen Schätzung lassen sich 26 Prozent aller Kabelbrüche in New York auf Ratten zurückführen. Ratten brauchen immer etwas zu beißen. Ihre Zähne sind härter als Aluminium, Kupfer, Blei oder Eisen; sie sind so hart wie Stahl. Und New Yorker Ratten waren immer schon eine Spezies für sich. Sie sind größer und aggressiver als ihre Verwandten außerhalb der Metropolis - sagen zumindest örtliche Kammerjäger, denen ein gewisses Eigeninteresse am Mythos der New Yorker "Über-Ratte" unterstellt werden muss. Katzen würden mit ihnen jedenfalls nicht fertig, versichern sie. Eine ausgewachsene Ratte wird am Hudson bis zu einem halben Kilogramm schwer und so groß wie ein Männerfuß - den Schwanz nicht mitgerechnet.
Ihr einziger Feind ist der Kammerjäger, und auch der ist ihr oft nicht gewachsen. Der erste, den Katia Kelly und ihre Nachbarn engagierten, warf ein Paket Gift in einen Rattenbau; am nächsten Tag lag es unversehrt wieder draußen. "Warum sollten die Ratten Gift fressen, wenn sie Pizza haben können?" fragte Sara Weber den erfolglosen Jäger. Danach geschah lange Zeit nichts mehr. Dann hatte Sara die Idee, die Öffentlichkeit zu mobilisieren: Am "Tag der Stadtparks" veranstaltete das Komitee im Carroll Park ein "Ratten-Festival" - mit einem Ratten-Rennen und einer Ratten-Jagd für die Kinder und Weingummiratten als Preisen. Die "New York Times" berichtete halbseitig. Am nächsten Tag rief das Büro von Bürgermeister Bloomberg an, und binnen Wochenfrist rückten die städtischen Rattenfänger aus. Nun bekamen es die Untergrundbewohner des Parks mit Profis zu tun.
Die Stadt New York plant in ihrem Haushalt seit dem 19. Jahrhundert einen festen Posten zur Ratten-Bekämpfung ein. Der erste New Yorker Rattenfänger, der weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt wurde, war der gebürtige Bayer Frederick Wegner. Als es 1893 eine Rattenplage im Central-Park-Zoo gab - Gerüchten zufolge waren sogar die Elefanten attackiert worden - fing Wegner in nur einer Woche 475 Stück. 1997 gründete Bürgermeister Rudy Giuliani in gewohnt militanter Manier eine "Extermination Task Force" und verkündete: "Vermutlich sind wir Landesmeister im Rattentöten." Kurz darauf wurden erstmals auch Ratten in der Residenz des Bürgermeisters gesichtet.
Giulianis nüchtern-geschäftsmäßiger Nachfolger Bloomberg hat eine "New-York-City-Akademie zur Nager-Kontrolle" eingerichtet. Für die regelmäßig stattfindenden Seminare verpflichtete er Bobby Corrigan, den "Superstar der Kammerjäger-Branche", wie ihn die Fachpresse nennt. Der bullige Mann hat das Standardwerk zur Rattenbekämpfung geschrieben. Wörtlich übersetzt heißt es: "Nager-Kontrolle. Ein praktischer Führer für die Profis im Ungeziefer-Management."
Wenn Corrigan über Ratten doziert, ist es im Saal mäuschenstill. Er ist ein guter Redner. Meist beginnt er damit, wie er als junger Kammerjäger zum ersten Mal mit einer Ratte in einer Kloschüssel konfrontiert wurde. Er erschlug sie mit einer Spraydose: "Das war weder schön noch professionell." Heute ist er der unbestrittene "Ratten-Zar". Bei besonders "herausfordernden Nager-Situationen" - Fachsprache für Rattenplagen - muss er Hilfestellung geben. Hat er die Sache dann wieder mal in den Griff bekommen, sagt er bescheiden: "Wir müssen uns alle darüber im Klaren sein: Wenn es um Nager geht, hat man es mit einem lebenslangen Lernprozess zu tun."
Corrigan soll vor allem auch die Moral der städtischen Rattenfänger heben. Ihr Berufsstand ist nicht gerade angesehen. Kein kleiner Junge träumt davon, einmal Rattenfänger zu werden, und auf einer Party kann ein Gespräch sehr schnell ersterben, wenn man auf die Frage "Und was machen Sie beruflich?" - "Rattenfänger" antwortet.
Dabei, so betont Corrigan, ist die Arbeit seiner Kollegen unverzichtbar. "Ohne uns wäre die Stadt arm dran - sehr arm dran." Es sind die "Pest Controllers" und "Exterminators", die dafür sorgen, dass in New York höchstens die dressierten Ratten im Broadway-Musical "The Woman in White" ihre natürliche Lebenserwartung von drei Jahren erreichen. Die durchschnittliche New Yorker Ratte wird nicht älter als ein Jahr.
Doch eine Bekämpfung mit Fallen und Giften kann eine Rattenplage nicht eindämmen. So viele Tiere auch sterben mögen, die Überlebenden verdoppeln dann einfach ihre Geburtsrate. Der einzige Schlüssel zur Lösung des Problems ist die Verminderung des Nahrungsangebots. In der Umgebung des Carroll Parks heißt dies zum Beispiel, dass die Restaurantbesitzer dazu gebracht werden müssen, ihren Müll in Containern und nicht in Säcken auf die Straße zu stellen. Die Mülltonnen im Park selber sind schon angepasst worden, so dass sich die Ratten nicht mehr von unten in die eingehängten Tüten durchfressen können. Aber noch immer gibt es viel zu wenige Abfallbehälter, und noch immer will sich ein altes Ehepaar nicht davon abbringen zu lassen, säckeweise Erdnüsse auszustreuen - "für die Vögel", wie es glaubt.
Es werden jetzt weniger Ratten im Park gesehen als noch vor einigen Monaten, aber noch immer weiß Katia Kelly nicht, ob sie im Frühjahr wieder in den Blumenbeeten arbeiten wird: "Hier die Hände in den Boden zu stecken und zu riskieren, dass dann 'ne Ratte hochspringt - nein, danke."
Quelle: www.stuttgarter-zeitung.de